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Homöopathie Garten

Tages-Anzeiger, 27.8.2005

In Zug ist vor kurzem der erste Homöopathie-Garten der Schweiz aufgegangen. Spazieren zwischen Gift und Galle, Belladonna und anderen Gewächsen.

Allein die Namen sind eine Trouvaille fürs Ohr: Hundswürger, Gefleckter Schierling, Knotiger Braunwurz oder Bergwohlverleih. Wären Heilkräuter so potent wie ihre Namen - man könnte die ganze Welt aus den Angeln heben. Der alte deutsche Name Wohlverleih für Arnika - es beschleunigt die Wundheilung - ist eines jener Namensschilder auf den Pflanzbeetn, die Besucher vermutlich am meisten schmunzeln lassen. Und seit der Eröffnung im Juli haben schon viele geschmunzelt und gestaunt: Homöopathen, Schulklassen, Naturfreundinnen und -freunde. Sie alle wollen wissen, wie die Pflanzen aussehen, deren Inhaltsstoffe täglich von Tausenden von Menschen eingenommen werden. Eigentlich gehört der neue "Botanische" zur SHI Homöopathie Schule, aber die Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen, zu schauen und zu fühlen.

Schierling für die Potenz
Wie Inseln mit weichem Umriss liegen die einzelnen Pflanzbeete im Kies. Der Garten kennt keine harten Kanten, das Organische soll die umfassende Denkweise der Homöopathie spiegeln. Kräutergärten gibt es einige in der Schweiz, aber in Zug sind die Heilpflanzen zu 16 spezifischen Anwendungsbereichen geordnet, von "Fieber" und "Herz" über "Magen" und "Auge" zu "Psyche" und "Mann" und "Frau". Das ist zwar etwas vereinfachend, wirkt aber sehr sinnfällig. Auf dem Beet mit dem Titel "Frau" steht zum Beispiel die Schafgarbe, ein Mittel gegen Menstruationsbeschwerden. Auf dem Beet "Mann" wächst gefleckter Schierling gegen Probleme mit der Potenz.

Ricinus communis
Wunderbaum

Man kann im Garten unscheinbare Pflanzen mit hohem Wirkungsgrad betrachten, aber auch wahre Schönheiten. Der Ricnius communis ist mit seinen roten, igelhaften Fruchtständen ein eitler Prahlhans. Erstaunlich unschön entfalten sich seine Inhaltsstoffe später im Dünndarm (Abführmittel Ricinusöl). Für geübte Weintrinker ist sicher das Beet mit dem Titel "Leber" von Interesse; Das hochpotente Kraut namens Hundwürger lässt Schlimmes erahnen - aber offenbar regt es die Leber- und Gallenfunktion in hilfreicher Weise an. Hund sind im Garten übrigens verboten, denn vieles, was hier gezeigt wird, liesse Vierbeiner vielleicht nicht nur würgen - sie würden ziemlich rasch alle Viere von sich strecken.

Die Tollheit der alten Dame
Vieles geht einem durch den Kopf, wenn man so durch die Rabatten flaniert. Schafgarbe? Die wächst doch an Wiesen- und Wegrändern und hat einen als Kind geärgert, weil sie zwar hübsch anzuschauen war, sich aber mit ihren zähen Stängeln partout nicht pflücken lassen wollte. Oder der gefleckte Schierling. Harmlos wirkt er, wie ein Wiesenkraut - dabei hat der Schierlingsbecher im Altertum so manches Problem auf unschöne Weise gelöst. Das stark giftige Alkaloid Coniin lähmt zuerst die Zunge, dann die Füsse, usw. Der Tod trat nach 30 Minuten ein - und das arme Opfer war die ganze Zeit über bei vollem Bewusstsein. Der Bärlapp wiederum, eine der ältesten Heilpflanzen überhaupt und heute unter anderem als Puder gegen Hautkrankheiten gebräuchlich, wurde früher auch gern im Theater benutzt - um Explosionen darzustellen. Angezündet entwickeln die kleinen Kolben des Bärlapps nämlich eine starke Flamme und ziemlich viel Rauch.

Atropa Belladonna
Tollkirsche

Auch der Tollkirsche sieht man ihre Heimtücke nicht an. Unschuldig wippen derzeit auf dem Beet Belladonnas glockenähnliche Blüten. Dabei ist jeder Teil der Nachtschattenpflanze toxisch, nicht nur ihre Beeren, die im Übrigen fad-süsslich schmecken sollen. Einer alten Engländerin mundeten sie indessen besonders gut. Immer im Herbst, so wusste die einheimische Presse zu berichten, wurde die Frau mit Halluzinationen ins Spital eingewiesen. Was die Ärzte als saisonale Psychose diagnostizierten, war das Resultat der Tollkirsche, vor ihrem Haus wuchs.
Schon die Zauberinnen der Antike kannten die erregende und tödlichen Wirkung dieser Pflanze. Sie benutzten sie als Rauschdroge für rituelle Handlungen, und die infamen Herren der Inquisition rangen damit später mutmasslichen Hexen ihre Geständnisse ab. Den Namen Belladonna - schöne Frau - bekam sie durch Italienerinnen, die die Wirkung des Atropins in früheren Jahrhunderten besonders schätzten: Es macht die Pupillen weit und lässt die Augen grösser wirken. Heute empfiehlt die Homöopathie Belladonna bei Entzündungen - zum Beispiel der Atemorgane, des Magen-Darm-Traktes oder der Gelenke.

Eine Rose mit Zitronenduft
Trotz aller Begeisterung für den neuen Garten sei doch eine kleine Kritik angebracht: Hilfreich wäre es für ineressierte Besucher, man würde in einer kleinen Broschüre mehr über Wirkstoffe und Wirkungsweisen der einzelnen Heilpflanzen erfahren. Die werde demnächst parat liegen, man sei noch am Optimieren, versichert Schulleiter Mohinder Singh Jus, der den Garten gemeinsam mit seiner Frau Martine angelegt hat. Rund 120 Pflanzensorten sind derzeit zu sehen, und es sollen noch mehr werden. Denn: "Wissen ist fühlen und sehen", ist Jus überzeugt. Natürlich ist der Garten auch ein attraktives Marketinginstrument - eine vertrauensbildende Massnahme zu Gunsten der Homöopathie. Schliesslich strebt die Schule die Anerkennung ihrer Ausbildung auf dem Niveau der Höheren Fachschule an. Darum ist Jus auch besonders stolz auf eine eigens gezüchtete Rosensorte, der ein spezielles Beet gehört. Sie ist eine Hommage an Samuel Hahnemann, der vor über 200 Jahren die Homöopathie begründet hat. Die Rose ist zartrosa und besticht durch ihren zitronigen Duft. Was sich positiv aufs allgemeine Wohlbefinden auswirkt. Auch dies eine Allegorie auf die Homöopathie.

SHI-Homöopathie-Garten
Steinhauserstrasse 51
6300 Zug
Ab Bahnhof Zug mit Bus Nr. 6 bis Ammannsmatt.
Täglich geöffnet, Eintritt frei.
Anfahrtsplan für Privatfahrzeuge

Das Haus der Homöopathie führt im September einen dreiteiligen Abendkurs zum Thema "Die homöopathische Hausapotheke" durch. (12.9./19.9./26.9.). Anmeldung hier oder über untenstehende Kontaktmöglichkeiten.

 

 

 

 

 

 

 

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