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Mein Lehrer - Dr. Bijoy Kumar Bose

von Mohinder Singh Jus

Ich hatte das seltene Glück, beim wahrscheinlich grössten Homöopathen meiner Zeit studieren zu dürfen: Dr. B. K. Bose. Er eröffnete mir nicht nur einen tiefen Einblick in den Kent'schen Homöopathie-Stil, er beeindruckte mich gleichzeitig durch seine geistig hochentwickelte Persönlichkeit. Ich bin besonders dankbar, dass ich als persönlicher Schüler bei seiner praktischen Arbeit zum Wohle der Kranken an seiner Seite sein durfte.

B. K. Bose wurde 1879 als Sohn eines Richters in Indien geboren. Der Sohn aus gutem Hause entwickelte sich aber bald zu einem aufständischen Rebellen gegen die britische Besatzungsmacht. Als Anarchist von den Briten verfolgt, musste er via Frankreich nach Amerika fliehen. Dort machte er Bekanntschaft mit Dr. James Tyler Kent und wurde dessen Schüler. Kent gelang es, den draufgängerischen, jungen, ehemaligen Rebellen zu einem grossen Heiler zu formen. B. K. Bose promovierte in den USA mit dem Doctor of Osteopathics und gleichzeitig dem Medical Doctor. Nach Abschluss seines Medizinstudiums durfte er unbehelligt nach Indien heimkehren. Dort folgte er dem Ruf an das Homeopathic Medical College in Kalkutta, dem ältesten seiner Art in Indien und grössten in ganz Asien.

Bis zu seinem Tod im Jahre 1977 war er die führende Figur in der indischen Homöopathie-Szene. Die meisten Homöopathie-Lehrer Indiens hat er persönlich ausgebildet. Er war Leibarzt zahlreicher hoher Regierungsmitglieder, unter anderem auch der Arzt Nehrus. Er selbst lebte zeitlebens in Einfachheit und Bescheidenheit. Seine Honorar-Einnahmen, Geschenke und sein gesamtes ererbtes Vermögen hat er in sein Spital investiert und für die Allgemeinheit verwendet. Bis zu seinem Tod im 98. Lebensjahr hat er voll und geistig ungetrübt gearbeitet.

In seinen Vorlesungen hörte ich ihn oft sagen: «Es ist einfach, ein erfolgreicher Arzt, aber schwierig, ein grosser Mensch zu sein.» Er vermittelte mir nicht nur medizinisches Wissen. Er zeigte mir, wie unerlässlich wichtig die menschlichen Qualitäten von Liebe, Güte und Mitgefühl für einen Heiler sind. Als ich als junger Student zu ihm kam, war er bereits 85 Jahre alt. Er war damals der letzte lebende Schüler des grossen Kent. Im ersten Jahr habe ich seine Grundlagen-Vorlesungen geschwänzt, weil sie mir nicht wichtig erschienen oder weil sie für mich von zu hohem Niveau waren. Als ich später zu erkennen begann, welchen Reichtum an Weisheit er lehrte, habe ich meine Überheblichkeit schwer bereut und fortan keine seiner Vorlesungen mehr verpasst. Mit grossem schauspielerischem Talent hat er uns die verschiedenen Heilmittel-Typen so eindrücklich vorgespielt, dass ich mich noch heute daran erinnere und in der Sprechstunde von seinen feinen Nuancierungen profitiere.

Dr. B. K. Bose war ein grosser Meister der Materia Medica und ihrer Anwendung. Ich habe ihn nie von den Grundregeln Hahnemanns abweichen sehen. In seinen Vorlesungen habe ich erkannt, dass es auf dem Weg zum erfolgreichen Homöopathen keine Abkürzungen geben kann. Nur mit fundierter und detaillierter Kenntnis der Materia Medica ist man imstande, das immense Potential der Homöopathie voll zum Wohle der Patienten auszuschöpfen. Mein Lehrer war ein sehr sensibler Mensch mit einem klaren Blick und tiefem Verständnis für das Wesen des menschlichen Lebens. Er konnte die Störung eines Kranken auf Anhieb erkennen und das richtige Heilmittel verschreiben. Oft hat er mir das augenfälligste Symptom und das entsprechende Mittel zugeflüstert, bevor sich der Patient gesetzt hat. Es hat mich immer wieder erstaunt, wie rasch er einen direkten Zugang zu jedem Patienten und dessen Problemen fand. Sein Stil war so perfekt und schnell, dass keiner ihm zuvorkommen konnte. Immer wieder staunte man über seine treffsichere mentale Repertorisation. Einmal achtete er mehr auf die Geistesverfassung als auf die auslösende Ursache und ein andermal mehr auf die Umweltsituation des Patienten.

In der ganzen Zeit habe ich nie gesehen, dass er ein Repertorium konsultiert hätte. Er hat mich gelehrt, den Tod mit anderen Augen zu sehen und ihn zu akzeptieren. Er hat wiederholt betont, wie wichtig es für den Menschen sei, bewusst sterben zu können. Er war ein überzeugter Gegner künstlicher Lebensverlängerung bei unheilbar Kranken. In solchen Fällen hat er nur palliativ mit tiefen Potenzen behandelt. Seine lebenslange Hingabe und sein missionarischer Eifer für die Homöopathie haben ihn bis auf sein Sterbebett begleitet. Als ich zu ihm kam, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, wachte er kurz aus seinem Dämmerschlaf auf und sagte zu mir: «Kümmere dich um die Homöopathie.»

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, ihm diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

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